Nullnummer Juli 2011

PalästinaIsraelZeitung

für Völkerrecht und Menschenrechte

Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser,

ergeht es Ihnen ähnlich? Uns, den Heraus-gebern dieser neuen Zeitung, fehlen bei der Berichterstattung des Nahostkonflikts in den Medien immer wieder die Hintergründe.

"Da wird es doch nie Ruhe geben. Wir Deutsche müssen uns da raus halten." Oder "Das ist alles so kompliziert." Solche Sätze hängen mit dem Mangel zusammen: Wie sollen die Fernsehzuschauer, die Hörer und Leser die aktuelle Lage einordnen, wenn ihnen nicht erklärt wird, dass die Ungleichheit der Parteien in Nahost aus- sichtsreiche Friedensverhandlungen un- möglich macht? Dass die Palästinenser nicht über ihr eigenes Leben bestimmen können, insbesondere seit 1967? Die deutsche Öffentlichkeit und Politik haben sich seit Jahrzehnten einseitig auf die Sicherung des Staates Israel konzentriert und die palästinensische Perspektive vernachlässigt. Diese betonen wir in der Zeitung, denn Deutschland hat nach dem Dritten Reich, wie der Völkerrechtler Prof. Tomuschat in seinem Interview auf Seite 4 sagt, nicht nur eine besondere Ver- antwortung für Israel, sondern auch für das Recht, für Völkerrecht und Menschenrechte. Und unter deren fehlender Anwendung und Durchsetzung leiden die Palästinenser seit Israels Staatsgründung. Dabei liegt es auf der Hand, dass Freiheit und Gerechtigkeit für die Palästinenser der einzige Weg für Israels langfristige Sicherheit sind.
Deutschland und die EU können viel mehr dafür tun. Das zeigt der Brief von Altkanzler Helmut Schmidt und anderen europäischen Ex-Politikern an die EU auf Seite 6.

Mitglieder der Zeitungsinitiative in Bonn-Königswinter

Mitglieder der Zeitungsinitiative in Bonn-Königswinter (Foto C. Kercher)

Unsere Seiten sollen anschaulich und zu- gänglich sein. Wir sind neugierig auf Ihre Meinung. Und noch mehr: Wir wünschen uns die Mitarbeit von Einzelnen und Gruppen, die diese Zeitung weiterent- wickeln wollen. Eine gedruckte Zeitung hat immer noch ihren Platz, glauben wir, be- sonders um Menschen zu erreichen, die die Informationen im Internet nicht gezielt suchen.

Unter folgender E-mail oder der Adresse im Impressum erreichen Sie uns und können auch gedruckte Exemplare dieser Zeitung bestellen:

kontakt@palaestina-israel-zeitung.de

Im Namen der Zeitungsinitiative
grüßen freundlich
Peter Bingel und Christian Kercher


Handala, Kind des Karikaturisten Naj Al-Ali

Handala, "Kind" des Karikaturisten Naj Al-Ali
































"Palästina, das Land meiner Träume"


Das Warten auf die Zukunft: Gemälde von Ibrahim Hazimeh (Ausschnitt)

Das Warten auf die Zukunft: Gemälde von Ibrahim Hazimeh (Ausschnitt)

Credo des Künstlers:

"Die künstlerischen Elemente: die Frau, das Haus, der Baum stehen für die Sehnsucht nach Heimat und Geborgenheit. (...) Der beständig in den Bildern wirkende Rhythmus Frau, Haus, Baum (...) erinnert an den Refrain in der arabischen Musik, in der Architektur, in der Arabeske. Er steht für die Standhaftigkeit auf dem Weg zur Verwirklichung des Traums meines Volkes. Für den Staat Palästina."

Ibrahim Hazimeh

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Erste Ausgabe Juli 2011
Erste Ausgabe Juli 2011 PDF

Laudatio für Daniel Barenboim zum UN-Friedenspreis
von Prof. Rolf Verleger in Berlin
am 22. März 2011 (ungekürzt):
Laudatio Rolf Verleger PDF

Israel verweigerte sich
Interview mit Völkerrechtler Prof. Christian Tomuschat über Gaza
und Israel vom 22. April 2011:
Das ganze Interview PDF

Wer nicht hören will, muß fühlen
Helmut Schmidt, Richard von Weizsäcker und 24 weitere ehemalige europäische Politiker fordern im Brief vom 2.12.2010 an die EU eine neue Israel-Politik:
Der ganze Brief PDF

Grenzüberschreitung: Barenboim in Gaza

"Ich bin Staatsbürger Palästinas und Israels"

Musik ist keine unpolitische Kunst. Nicht beim israelischen Dirigenten Daniel Barenboim, der am 3. Mai 2011 sein Publikum im Gazastreifen begeistert. Mit 25 Musikern aus den besten Orchestern Europas war ihm zum ersten Mal die Einreise über Ägypten gelungen, um ein Zeichen der Solidarität mit den Menschen in Gaza zu setzen, das seit fünf Jahren von Israel abgeriegelt wird.

Die deutsche Gesellschaft der Vereinten Nationen hat ihm am 22. März in Berlin die Otto-Hahn-Friedensmedaille verliehen. Im Haus der Kulturen der Welt hält ein anderer prominenter Jude die Laudatio: Rolf Verleger ist Psychologie- Professor in Lübeck. Sein Vater hat Auschwitz überlebt. Er ist Autor des Buches "Israels Irrweg. Eine jüdische Stimme". Er redet leise, aber eindringlich:

"Daniel Barenboim sagt, er habe bei den Kriegen, die Israel nach seiner Einwanderung führte, 1956, 1967, 1973, immer in Israel Konzerte ge- geben. Die Musik war meine "Waffe" für Israel. Bei ihm habe es aber im Kopf "Klick" gemacht, als die israel- ische Premierministerin Golda Meir 1970 sagte: "Palästinenser? Was soll dieses Gerede von den Palästinen- sern? Das palästinensische Volk sind wir!". Das habe ihn fassungslos gemacht. In seinem Interview in der Wochenzeitung Die ZEIT vom Juni 2010 sagt er: "Wie ist das möglich? Es sind alles intelligente Menschen. Wenn du mit ihnen über Beethoven oder über Shakespeare oder über Karl Marx sprichst, dann haben sie rationale Argumente, aber wenn du auf das Thema Palästinenser komm- st, werden sie total blind. Das ist nicht zu erklären."

Jedenfalls: Es ist da ein blinder Fleck, eine Denkblockade, die es den meist- en Israelis - und auch den meisten aktiven Mitgliedern der heutigen jüdischen Gemeinden in Deutschland - unmöglich macht zu sehen, was die Israelis, deren Vorfahren in Europa verfolgt wurden, nun den Einwohnern Palästinas antun. In dem erwähnten Interview fragt die ZEIT-Redaktion: "Die israelische Regierung argu- mentiert mit ihrem Recht auf Selbst- verteidigung." Und Barenboim ant- wortet: "Natürlich. Wenn du ein ander- es Land besetzt, dann musst du dich die ganze Zeit verteidigen." ZEIT: "Halten Sie die israelische Bedroh- ungsanalyse nur für Einbildung oder Paranoia?" Barenboim: "Nein, die Israelis müssen sich in der Tat ver- teidigen, aber nur deshalb, weil sie so agieren, wie sie es getan haben und weiterhin tun." Der Israeli Daniel Barenboim fand auf palästinens- ischer Seite eine verwandte Seele, Edward Said, ein Weltbürger wie Barenboim, Professor für Englisch und vergleichende Literaturwissen- schaft in den USA, Mitglied des palästinensischen Exil-Parlaments und vor allem: ein Liebhaber der Musik. Zusammen fassten sie den Plan, Barenboims musikalische

Gaben zu verknüpfen mit dem Anliegen der Versöhnung: Sie gründeten 1999 das "West-östliche Diwan-Orchester": Ein Orchester, in dem Israelis, Palästin- enser und Angehörige von Nachbar- staaten Israels zusammen spielen: als ein Klangkörper unter Maestro Barenboim, der sich die höchsten An- sprüche setzt und auch dieses Jahr auf Tournee gehen wird, mit Beethoven-Sinfonien, der Symphonie No. 10 von Gustav Mahler und dem Kammerkonzert von Alban Berg. Daniel Barenboim hat sich dabei nicht auf die Musik - die scheinbar unpolitische Kunst - zurückgezogen. Sondern er hat ausdrücklich politisch Stellung bezogen. Am deutlichsten wurde das darin, dass er 2007 die palästinensische Staatsbürgerschaft angenommen hat: Er ist Bürger eines Staats, den es überhaupt nicht gibt, und er hat damit die Verpflichtung übernommen, diesen Staat mitzu- schaffen. Ich habe einige Deutsche und viele Israelis getroffen, die ein solches Verhalten überhaupt nicht verstehen können.

In einer bizarren Verschiebung der Schuld von Nazi-Deutschland auf die Palästinenser sehen sie die Palästin- enser als die Nachfahren Hitlers an. Dazu sagt Barenboim: "Sehen Sie, man kann mit Blick auf die Palästin- enser bezweifeln, ob sie wirklich das Existenzrecht Israels akzeptieren und ob sie wirklich mit den Juden zu- sammenleben wollen. Nur hat das, anders als eine verbreitete israel- ische Interpretation unterstellt, mit den Nazis und dem Holocaust nichts zu tun. Wenn ein Palästinenser, dessen Familie ein Haus in Jaffa oder in Nazareth seit dem 11. Jahr- hundert besitzt, nun nicht mehr das Recht hat, dort zu leben, und dieser Mensch hasst dann die Israelis - das hat doch mit Adolf Hitler nichts zu tun."

Und Isaac Deutscher 1967: "Die Ver- antwortung für die Tragödie der europäischen Juden, für Auschwitz, Majdanek und das Gemetzel in den Ghettos liegt einzig bei der westlichen bürgerlichen "Zivilisation", deren

rechtmäßiger, wenn auch degener- ierter Abkömmling der National- sozialismus war. Doch es waren die Araber, die schließlich den Preis für die Verbrechen zahlen mussten, die der Westen an den Juden begangen hat. Man lässt sie auch heute noch zahlen, denn das ,Schuldbewusst- sein' des Westens ist natürlich pro- israelisch und antiarabisch."

Das heißt: Die aufrichtige und ehren- werte Beklemmung vieler Deutscher über das ungeheuerliche Unrecht, das von Deutschen in deutschem Namen den Juden Europas angetan wurde, führt heute dazu, dass neues Unrecht - lange nicht so ungeheuer- lich wie das, was 1941-1945 ge- schah, aber verheerend und nieder- trächtig genug, und mit katastroph- alen Folgen - dass dieses neue Un- recht schweigend toleriert wird. Und damit gerät die deutsche öffentliche Meinung heute in einen Widerspruch.

Welche Konsequenzen sollen wir aus der Vergangenheit ziehen? Dass das Unrecht von vor 70 Jahren zwangsläufig neues Unrecht legiti-miert?

Ich fände es daher angebracht, wenn wir deutlich Stellung nehmen würden zur Strangulierung des Gaza-Streif- ens, zum 43 Jahre andauernden Be- satzungsregime im Westjordanland, zur kontinuierlichen Landnahme im Westjordanland, zur Verdrängung der alteingesessenen arabischen Ein- wohner Jerusalems, zu den gezielten Tötungen, zu den Tausenden Paläst- inensern, die in israelischen Gefäng- nissen interniert sind.

Israel braucht klare Vorgaben von uns, um die Kraft aufzubringen, sich von seinem nationalistischen Kurs abzuwenden. Mit seiner jetzigen Politik - das hat Daniel Barenboim mehrfach gesagt - läuft Israel in eine Sackgasse.

Dr. Christine Kalb, Deutsche Gesellschaft der Vereinten
Nationen, Daniel Barenboim, Salah Abdel Shafi,
Generaldelegierter Palästinas im Haus der Kulturen der
Welt, Berlin, nach der Preisverleihung (Foto C. Kercher) Dr. Christine Kalb, Deutsche Gesellschaft der Vereinten Nationen, Daniel Barenboim, Salah Abdel Shafi, Generaldelegierter Palästinas im Haus der Kulturen der Welt, Berlin, nach der Preisverleihung (Foto C. Kercher)

Der polnisch - jüdische Schriftsteller und Historiker Isaac Deutscher hatte es 1967 so formuliert: "Einmal sprang ein Mann aus dem obersten Stock eines brennenden Hauses, in dem bereits viele seiner Familienangehörigen umgekommen waren. Er konnte sein Leben retten, aber im Herunterfallen schlug er auf jemanden auf, der unten stand, und brach diesem Menschen Arme und Beine. Der Mann, der sprang, hatte keine Wahl, aber für den Mann mit den gebrochenen Gliedern war er die Ursache seines Unglücks."

Deutscher weiter: "Was geschieht, wenn diese beiden Leute sich irrational verhalten? Der Verletzte gibt dem andern die Schuld an seinem Unglück und schwört, dass er ihn dafür bezahlen lassen wird. Der andere, aus Angst vor der Rache des verkrüppelten Mannes, beleidigt, tritt und schlägt ihn, wann immer er ihn trifft. Der getretene Mann schwört erneut Rache und wird wieder geschlagen und bestraft. Die bittere Feindschaft, die zunächst ganz zufällig war, verhärtet sich und überschattet schließlich die gesamte Existenz der beiden Männer und vergiftet ihr Denken.

© PalästinaIsraelZeitung